1690 - 1815
Höfische Musik in düsteren Zeiten

Abendunterhaltung auf dem Munot: die Quadrille

Nach dem Tod von Aenas MacKay im Jahre 1685 scheinen seine Freunde munter weitermusiziert zu haben. Namentlich bekannt aus diesem Kreis ist beispielsweise ein Tobias Peyer aus Schaffhausen (1662 – 1734), welcher, wie auch sein Sohn Ulrich (1693 – 1757), als Bläser bzw. Tambour in Diensten des Schweizer Garderegiments am französischen Hof stand. Aus ihrer Pariser Zeit brachten sie Melodien und Spielweisen zurück, welche zeigen, dass sie offenbar auch einige Zeit mit den Musikern der Garde Écossaise, der Leibgarde der Bourbonenkönige verbrachten. Die in Schaffhausen an Munot-Bällen heute noch getanzte Quadrille geht auf Melodiefragmente zurück, welche die Peyers vom französischen Hof nach Schaffhausen brachten. Auch Ulrich Peyers Sohn Rudolf (1722 – 1792) trat in dritter Generation als Gardeoffizier in französische Dienste. Er soll auf der Fiedel ein wahrer Meister gewesen sein. Er kam auf tragische Weise am 10. August 1792 beim Tuileriensturm ums Leben.

Die als Helvetik bekanntgewordene Zeit von 1798 bis 1815 war eher düster und bot wenig Anlass zu unbeschwertem Musizieren. In der Region herrschte Armut und Hunger. 1798/99 zogen französische und österreichisch-ungarische Truppen durch unsere Gegend und rekrutierten unter Zwang junge Männer zum Kriegsdienst. 

Unter französischem Druck war die damals an sich populäre preussische oder britische Marschmusik - dazu zählte vor allem jegliche Art von Dudelsackmusik - ausdrücklich verboten. Es hatte im wahrsten Sinne des Wortes Ruhe zu herrschen. Ausser an katholischen Feiern, denn diese mussten von der französischhörigen Obrigkeit ausdrücklich gefördert werden.

Kantonale Artillerie, 1810

Zu neuen Aktivitäten und einer Renaissance unserer Musik sollte es erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommen, und dies hing eng damit zusammen, wie Schaffhausen zu einer Industriestadt wurde:

1868 – 1870

Drei Amerikaner in Schaffhausen:
Uhren, Gewehre und ein doppelter Konkurs

Florentine Ariosto Jones, 1862

Im April 1863 lernte der amerikanische Uhrmacher Florentine Ariosto Jones (1841 - 1916) in Boston, Massachusetts, den musikalischen und technikbegeisterten schottischen Büchsenmacher Hugh MacKay (1837 – 1919) kennen. Dieser war er erst drei Jahre zuvor nach Amerika gekommen, zusammen mit 38 anderen Immigranten aus Sutherland, der kargen und mausarmen Nordwestecke Schottlands. Der draufgängerische MacKay, schon in jungen Jahren technisch hochbegabt und bei Frauen ebenso hoch im Kurs, war massgeblich an der Entwicklung des Springfield-Vorderladers  beteiligt gewesen, der entscheidenden Waffe der Unionsarmee im amerikanischen Bürgerkrieg.

Hugh MacKay, 1863

Schaffhausen um 1870

Die jungen Männer sprühten vor Ideen und wollten Geld verdienen. So kam MacKay auf die Idee, Uhren mit amerikanischem Produktions-Know how statt in Amerika im damals wesentlich billigeren Europa herzustellen, z.B. in der Schweiz, vorzugsweise an einem Ort mit billiger Energie und guter Handwerkskunst – Schaffhausen.  Jones war sofort Feuer und Flamme. Zwar kannte MacKay die Schweiz nur vom Hörensagen, er wusste aber von anderen Einwanderern, dass vor Urzeiten ein Familienzweig der MacKays in der Schweiz sesshaft war, und zwar am Rhein in Schaffhausen.

1868, kurz nach Ende des Bürgerkriegs, setzen sie ihre Ideen in die Tat um. Florentine Jones, Hugh MacKay und der  Uhrmacher Charles Lewis Kidder, ein Freund der beiden, wagten den Sprung über den Atlantik und siedelten von Boston nach Schaffhausen über.

Während Jones und Kidder im selben Jahr eine Uhrenmanufaktur gründeten - die heutige IWC – fand MacKay in der Waggonfabrik SIG in Neuhausen eine leitende Stellung als Waffenmechaniker. Dort prägte er massgeblich die Entwicklung des Vetterli-Repetiergewehrs, dessen Grossserienfertigung in Neuhausen bald anlaufen sollte und zum ersten Ordonnanzgewehr der Schweizerischen Armee wurde.

Vetterli-Repetiergewehr, Kal. 10.5mm, 1870

IWC Schaffhausen um 1875

Bei der IWC kümmerte sich Kidder um produktionstechnische Fragen und Jones war für den Verkauf bedacht. Gemeinsam waren beide Firmeninhaber ständig auf der Suche nach Kapital, denn das war chronisch knapp. Schweizer Uhren nach Amerika zu exportieren, präsentierte sich auf dem Papier zwar als höchst lukratives Geschäft, es war aber auch sehr risikoreich und hatte den Nachteil, dass es mit beträchtlichen Mitteln vorfinanziert werden musste.

Heinrich Moser hatte ein Vermögen als Händler im Zarenreich verdient. Ohne ihn lief industriell in Schaffhausen im wahrsten Sinne des Wortes gar nichts, denn ihm gehörten die meisten der umfangreichen Industrieanlagen am Rhein, welche Bewegungsenergie über ein von ihm konzipiertes wasserturbinengetriebenes Transmissionssystem aus dem Rhein bezogen (ein aus heutiger energetischer Sicht eigentlich geniales Konzept).

Im September 1870, an einem Musikabend im "Englischen Hof" des Hotels Rüdengarten in Schaffhausen, wo der äusserst gesellige Hugh MacKay und seine Freunde regelmässig mit Dudelsackvorträgen die Gäste begeisterten, lernte MacKay über F.A. Jones den Fabrikanten Johannes Rauschenbach (1815 – 1881) kennen – und über ihn schliesslich auch den schwerreichen Stammvater der Schaffhauser Industrie, Heinrich Moser (1805 – 1874).

Hotel Rüdengarten Schaffhausen 1870

Heinrich Moser, ca. 1860

Heinrich Mosers Drahtseil-Transmissionssystem am Rhein, Schaffhausen, um 1870

F.A. Jones war kein besonders guter Geschäftsmann. Er fallierte mit seiner Schaffhauser Uhrenmanufaktur innert kürzester Zeit gleich zweimal. Nach dem zweiten Konkurs im Jahre 1875 setzte er sich bei Nacht und Nebel nach New York ab. Erst Johannes Rauschenbach, der 1879 die eigentlich gut laufende IWC als finanziellen Trümmerbetrieb übernahm, gelang es, das Unternehmen zum dauerhaften Erfolg zu führen.

Die Begegnung von Hugh MacKay mit Heinrich Moser bzw. dessen bildhübschen jungen Frau Fanny Louise an einem Ceilidh, einem schottischen Tanzabend, im Hotel Rüdengarten, sollte indes noch grosse Folgen haben.

1870 - 1875

Der grösste Eheskandal der Schaffhauser Geschichte

Fanny Louise Moser-von Sulzer-Warth 1875

Die lebenslustige Baronesse Fanny Louise von Sulzer-Warth (1848 – 1925), aus der Winterthurer Sulzer-Dynastie stammend, heiratete 1870 den 43 Jahre älteren Heinrich Moser. Zur damaligen Zeit war allein schon dieser Vorgang ein Skandal allererster Güte. Als Fanny zum ersten Mal MacKay begegnete, habe sie nur noch Augen für ihn gehabt, berichtet eine Freundin. Es darf angenommen werden, dass in diesem Jahr eine stürmische Affäre ihren Anfang nahm, welche für Fanny besonders tragische Folgen haben sollte. Als Heinrich Moser 1874 starb, wurde sie von Mosers Kindern aus erster Ehe des Giftmordes bezichtigt. Autopsien bewiesen zwar den natürlichen Tod Heinrich Mosers, Fanny, welche zeitlebens und nachgewiesenermassen eine Vorliebe für junge Männer hatte, wurde schwermütig und litt zeitlebens unter schweren Depressionen.

1889 erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine Heilanstalt verbracht, wo sie unter anderem von Siegmund Freud untersucht wurde. In Freuds Werk "Studien über Hysterie", mit welchem er die moderne Psychoanalyse begründete, tauchte Fanny Moser-Sulzer als "Emmy von N." auf. Anonymisiert erlangte sie Weltruhm, was ihr sicher sehr gefallen hätte, wenn sie dies realisiert hätte.

Hugo Möckli 1891

Hugh MacKay schwieg wie ein Grab und verlor zeitlebens kein Wort über eine allfällige Affäre. Über sein späteres Leben und seine Aktivitäten ausserhalb der Musik ist nur wenig bekannt. 1888 liess er seinen Namen in Hugo Möckli ändern, heiratete eine Johanna Monhart aus Schlatt und übernahm im Raum Diessenhofen ein Bauerngewerbe.

 

Möcklis Gartenkonzerte - MacKay blieb quasi sein Künstlername -, seine Ceilidhs und seine jährliche "Burns Night" im "Englischen Hof" beim Bahnhof waren aber schon zu seinen Lebzeiten legendär.

"Garten-Konzert", Schaffhauser Nachrichten, 18.6.1891

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