Farewell to the Creeks
6/8 March
PM James Robertson

Mit Creeks sind in Schottland nicht Bäche gemeint (diese heissen burns) und auch keine gleichnamigen Prärieindianer vom grossartigen Volk der Muskogees.
In Schottland sind Creeks kleine, zerklüftete Buchten an felsigen Küstenabschnitten. Und im Falle von Farewell to the Creeks ist die spektakuläre Felsküste zwischen Portknockie und Portsoy am Moray Firth, westlich von Banff gemeint.
Portfiddle Rock, Portknockie
De Angriff kam rasch und mit voller Wucht. Im Rahmen der ersten Kämpfe zwischen britischen und deutschen Truppen im ersten Weltkrieg überhaupt gelang es den Gordon Highlanders, den deutschen Vorstoss in ihrem Frontaschnitt dank überlegener Feuerkraft und hoher Kampfdisziplin bei nur geringen Verlusten zu stoppen (Schlacht bei Mons, 23.8.2014).


Pipe Major James Robertson (1886 - 1961) schrieb diesen sehr melodiösen und durchaus sentimentalen 6/8-Marsch so um 1915 während seiner Zeit als Kriegsgefangener in Deutschland.
Dass es in diesem Tune um nostalgischen Abschiedsschmerz und Heimweh geht, ist allein vom Titel her offensichtlich.
Im August 1914 war James Robertson Pipe Sergeant im 1. Batallion der Gordon Highlanders, welches gleich nach der britischen Kriegserklärung nach Frankreich verschifft wurde und an der nördlichen Flanke des alliierten Truppenaufmarsches in Belgien in Stellung ging, um einen allfälligen deutschen Angriff zu blockieren.
Das erschöpfte II. Korps der britischen Armee musste aber bald dem massiven deutschen Druck weichen, was zu einer Reihe von verlustreichen und demoralisierenden Rückzugsgefechten führte. In der Schlacht von Le Cateau am 26.8.2014 verpasste das mehr oder weniger umzingelte 1. Batallion der Gordon Highlanders den Befehl zum allgemeinen Rückzug. Nach tagelangem Bombardements und inmitten eines unglaublichen Chaos waren seine Kommandostrukturen zerschlagen, das Batallion konnte nicht mehr als militärische Einheit handeln, es wurde faktisch aufgerieben.
Gordon Highlanders, Schlacht von Mons, 23.8.2104
In wenigen Tagen waren die meisten Soldaten und Offiziere des Batallions gefallen, verwundet oder gerieten in Kriegsgefangenschaft. So auch Pipe Sergeant James Robertson. Er wurde ins Gefangenenlager Sennelager bei Paderborn überstellt, wo er sich bald durch Aufsässigkeit, mehrere Fluchtversuche und Kriegsgerichtsprozesse mit drakonischen Strafen bei Mitinsassen und Lagerleitung bekannt machte,
Der Legende nach soll James Robertson die erste Notierung von Farewell to the Creeks auf einen Fetzen gelbes Löschpapier während des Absitzens einer Einzelhaftstrafe gekritzelt haben.



PM James Robertson, ca. 1920
Kurz nach seiner Freilassung kehrte James Robertson als frisch beförderter Pipe Major für acht Jahre zum ersten Bataillon der Gordon Highlanders zurück. Nach seinem Abschied vom Miltär im Jahre 1927 arbeitete James Robertson bis anfangs der 50er-Jahre als Polizist in Banffshire. Der traditionellen schottischen Musik und insbesondere dem Piping blieb er zweitlebens verbunden, in späten Jahren als hochgeachteter Mentor der Turiff & District Pipe Band. in Aberdeenshire. James Robertson verstarb 1961. Er wurde 75 jahre alt.

Die faszinierende Geschichte um Farewell to the Creeks ist damit noch nicht zu Ende. Nach Abschluss der erfolgreichen Landung der Alliierten auf Sizilien gaben die Pipes & Drums der 153. Brigade der britischen 8. Armee am 16. August 1943 ein Abschiedskonzert in der Nähe von Catania. Dies inspirierte den als Nachrichtenoffizier dienenden schottischen Dichter Hamish Henderson, einen Text zur Melodie von Farewell to the Creeks zu schreiben, welchen er "The Highland's Division Farewell to Sicily" nannte, später auch als "The Banks of Sicily" bekannt:
The Highland Division's Farewell to Sicily
Hamish Henderson
The pipie is dozie, the pipie is fey,
He winna come roon’ for his vino the day.
The sky ow’r Messina is unco an’ grey,
An ’a’ the bricht chaulmers are eerie.
Then fare weel ye banks o’ Sicily,
Fare ye weel ye valley and shaw.
There’s nae Jock will mourn the kyles o’ ye,
Puir bliddy swaddies are wearie.
Fare weel, ye banks o’ Sicily,
Fare ye weel, ye valley and shaw.
There’s nae hame can smoor the wiles o’ ye,
Puir bliddy swaddies are wearie.
Then doon the stair and line the waterside,
Wait your turn, the ferry’s awa’.
Then doon the stair and line the waterside,
A’ the bricht chaulmers are eerie.
The drummie is polisht, the drummie is braw
He cannae be seen for his webbin’ ava.
He’s beezed himsel’ up for a photy an a’
Tae leave wi’ his Lola, his dearie.
Sae fare weel, ye dives o’ Sicily
(Fare ye weel, ye shieling an’ ha’),
We’ll a’ mind shebeens and bothies
Whaur kind signorinas were cheerie.
...

Bis heute ist Farewell to the Creeks ein sehr beliebter 6/8-Marsch geblieben und wird oft als Set mit Cock of the North, dem anderen sehr populären Regimental Quck March der Gordon Highlanders, gespielt - zum Beispiel von der Delegation der PBAS, der Pipe Band Association of Switzerland, an der Basel Tattoo Parade im Juli 2026.
Piper of the Gordon Highlanders
Warum sind 6/8-Märsche so beliebt?
Der hauptsächliche Grund liegt in der Lebhaftigkeit des Rhythmus, dem sogenannten Swing. Klingt beschwingt und eignet sich perfekt für das übliche Marschtempo auf Strassen und im Gelände.
Während bei 2/4- und 4/4-Märschen jeder Takt einfach halbiert wird, spricht man beim 6/8-Takt von Compound Time. Jeder Takt hat zwar zwei Hauptschäge (linker Fuss, rechter Fuss...), jeder Schlag wird hier aber in drei Achtelnoten unterteilt. So ensteht eine wiegende, punktierte Rhythmik, welche einer Pipes & Drums-Formation einen unverkennbaen Swing verleiht. Der Rhythmus wirkt psychologisch motivierend, hält mitmarschierende Soldaten besser im Gleichschritt - und die Kilts schwingen harmonisch mit (was bei Frauen sehr gut ankommt). 6/8 wirkt weniger mechanisch-steif als ein gerader Takt - preussische Märsche kennen keinen 6/8-Takt.
Der Dudelsack ist physisch ein forderndes Instrument. Sauber gespielt erlaubt die Rhythmik des 6/8-Marsches, komplexe Verziernoten (Embellishments) elegant in den Melodiefluss einzubauen, ohne dass das Stück gehetzt klingt. Für die schottischen Regimenter sei der 6/8-Marsch der ideale Kompromiss zwischen streiterfüllter Disziplin und schottischem Stolz.
