"Wenn alle Menschen immer die Wahrheit sagten,
wäre das die Hölle auf Erden."
Jean Gabin

Wahrheit oder Fiktion?

Unsere Geschichte reicht selbstverständlich nicht 380 Jahre zurück. Sie beginnt, grosszügig betrachtet und von Unterbrüchen gezeichnet, vielleicht vor etwa 50 Jahren. Streng genommen aber eigentlich erst 2016. Unsere Stadt verfügt auch über keinerlei Dudelsacktradition. Das bis 1861 zurückreichende Archiv der "Schaffhauser Nchrichten" liefert zum Begriff "Dudelsack" beispielsweise bloss 45 Treffer mit Bezug zur Region Schaffhausen auf. Trotzdem steckt in unserer Geschichte mehr Wahrheit, als in der täglichen  Ausgabe von "20 Minuten".

Der Wahrheit entsprechen jedenfalls die grossen Stränge, die wir über die Geschichte der letzten 400 Jahre in unserer Region legen. Manche Verästelung ist spannend, weil sie wahr ist und so noch nie erzählt wurde und andere sind interessant, weil sie vielleicht so hätten sein können.  Sei es, wie es wolle.

Ist etwas unwahr, bloss weil eine reale Geschichte mit fiktiven Personen erzählt wird? Oder ist eine fiktive Geschichte wahr, wenn sie von realen Personen handelt? Was ist real und was ist überhaupt historische Wahrheit?

Dazu lassen wir uns nicht aus. Wir sind ja auch keine Philosophen, sondern spielen Dudelsack. Zusammengefasst hier dennoch ein paar Hinweise zur Frage, was in unserer Geschichte wahr und was Fiktion ist:

1633 - 1685

Die Belagerung von Konstanz 1633 unter Teilnahme eines schottischen Söldnererregiments ist historisch verbürgt. Dass darunter auch Bagpiper und Drummer waren, ist sicher. Auf seinem Weg nach Konstanz tauchte der schwedische General Wrangel tatsächlich vor den Toren Stein am Rheins auf und verlangte freien Durchmarsch, was ihm auch sofort gewährt wurde, unter Missachtung der beim Kaiser hochgelobten Neutralität. Gerade in unseren Landgemeinden war die Angst vor hungernden und marodierenden Soldaten gross, denn mit dem Schutz durch eigene Truppen konnte kaum gerechnet werden. Es gab schlicht zu wenige.

Obwohl von Schiffen aus im 30jährigen Krieg der eine oder andere Ort am Bodensee beschossen wurde, gab es auf dem See keine Scharmützel. Die geschilderte "Seeschlacht" ist reine Fiktion. Womit auch klar ist, dass es in unserer Gegend auch nie einen Aeneas MacKay, genannt Enas Mäcky, gab. Die Melodie zum Lied vom Munotglöcklein stammt also auch nicht von ihm, ebenso wenig der eine oder andere besonders gelungene Erker in der Altstadt. Dass es die wenigen Katholiken in der Stadt zu jener schwer hatten, ist aber wahr. Die Weihe der ersten katholische Kirche nach der Reformation fand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts statt, im Zuge der einsetzenden Einwanderung von immer mehr italienischen Gastarbeitern.

1690 - 1890

Eine gähnende Lücke in unserer Geschichte bilden leider die 200 Jahre nach dem Tod von Aeneas MacKay. Der Chronist, händeringend auf der Suche nach einem historischen Faden, der den Link von Aeneas MacKay im Jahre 1663 zu Hugh MacKay im Jahre 1863 bilden könnte, ist auf der sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wir suchen weiter.

F.A. Jones  und Lewis Kidder aus Boston haben 1868 die IWC gegründet und gingen mit ihr kurz danach gleich mehrmals pleite. Fanny Moser-Sulzer war mannstoll und hatte psychische Probleme. Ja, Siegmund Freud hat sie untersucht und in seinem Standardwerk zur modernen Psychoanalyse verewigt (kleine Reminiszenz an unseren Mitpiper Marc, er ist hauptberuflich Neuropsychologe). Alle erwähnten Personen und Vorkommnisse sind real. Hugh MacKay bzw. Hugo Möckli ist hingegen eine fiktive Kunstperson. Alles erstunken und erlogen, was ihm angedichtet wird!

1895 - 1920

Die Zeitperiode um das ausgehende 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg verlief bei uns ausgelassener und fröhlicher, als andernorts. Wir sprechen vom "Jugendstil". Die bis heute grössten, längsten und ausgelassensten Feste, welche in unserer Region jemals gefeiert wurden, fanden allesamt in dieser Zeit statt. Die Feiern zur Eröffnung von wichtigen Bahnlinien nach Süden, Norden und Osten ("Schaffhausen - Feuerthalen - Konstantinopel via Etzwilen"), die Centenarfeier zur 400jährigen Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft 1901, Tanzanlässe jeglicher Art mit Live-Musik (Grammophone gab es erst ab etwa 1910) und natürlich die ersten und äusserst populären Munotbälle - kein Anlass zu klein, um nicht gebührend gefeiert zu sein. Alle hier erwähnten Ereignisse, alle Orte und Zeiten, sind real. Ausser dass es Hugo Möckli und die MacKay's Free Pipes & Drums nie gegeben hat. Die in preussischen Uniformen und mit Pickelhauben auftretende "Konstanzer Regimentsmusik" gab es hingegen sehr wohl. Sie war tatsächlich die beliebteste Tanzkapelle weit und breit. Und ja, sie haben den Sechseläutenmarsch nach Zürich gebracht. 

1939 -1946

In der Nacht vom 27.4.1944 wurde Friedrichshafen von 333 viermotorigen Lancaster-Bomber der RAF angegriffen. Deutsche Nachtjäger schossen mehrere Bomber ab, wovon die erwähnte Maschine der 35. Staffel vor Steckborn in den Bodensee stürzte. Die Geschichte mit dem glücklichen Zusammentreffen der vier überlebenden Flieger hat sich genau so abgespielt. Zeiten und Orte sind real, einzig die Namen sind fiktiv. Die Rotkreuzschwester (die Cousine meines Vaters) hat den Heckschützen liebevoll gepflegt und tatsächlich geheiratet. Nach dem Krieg wanderten beide nach Kapstadt aus. In der selben Nacht landete ein deutscher Nachtjäger, eine mit hochgeheimer neuer Radartechnologie ausgestatte Bf 110 G der 2/NJG 5 irrtümlich in Dübendorf. Vermutlich war es genau jene Maschine, die unsere Lancaster abgeschossen hat. Reichsmarschall Göring tobte. Die Technologie und vor allem Informationen, in welchen Wellenbereichen die Bordradare der Nachtjäger arbeiteten, durften keinesfalls in Feindeshand geraten. Weil den Schweizern nicht zu trauen war, fasste Göring ein Kommandounternehmens ins Auge, um das in Dübendorf hangarierte Flugzeug zu zerstören. Nach zähen Verhandlungen willigte die Schweiz aber zur freiwilligen Sprengung durch deutsche Spezialisten ein und durfte im Gegenzug 12 fabrikneue Bf 109 G-Jäger erwerben (welche sich allesamt als minderwertige und störanfällige Geräte erwiesen und so kaum die strengen Abnahmekontrollen der deutschen Luftwaffe passiert hätten). Die dreiköpfige deutsche Nachtjägerbesatzung wurde repatriiert, im Austausch gegen unsere vier Briten, welche über Genf, Frankreich und Spanien nach England zurückkehren konnten.

Bloss 10 Tage nach Kriegsende - Europa lag in Trümmern - trafen sich General Guisan und der französische General de Lattre de Tassigny im Hotel Rheinfels in Stein am Rhein. Dass die Gesellschaft einen währschaften Hecht genoss, darf mit hinreichender Sicherheit angenommen werden. Fleisch war knapp, und der Hecht ist bis heute die Fischspezialität des Hotels Rheinfels.

Als Zeichen der Dankbarkeit für die wohlwollende Aufnahme von zahlreichen britischen Soldaten, welche nach Kriegsende die Möglichkeit erhielten, ein paar Tage oder Wochen in der glücklichen Schweiz verbringen zu dürfen, bevor sie nach Grossbritannien oder in die Commonwealth-Staaten repatriiert wurden, unternahm das Musikkorps der 52. Lowland-Division im Juli 1946 eine Goodwill-Tour durch die Schweiz.

 

Im September 1946 folgte Winston Churchill. Seine Europa-Rede in Zürich ("Let Europe arise!") markierte so ziemlich das Gegenteil zum Gedankengut, welches bspw. Charles de Gaulle zu selben Zeit vetrat. Wie sehr sich die Zeiten ändern!

Ewald Möckli hat nie bei Guisan, de Lattre de Tassigny oder bei der Visite Churchills aufgespielt. Einfach darum, weil es ihn gar nicht gab.

1950 - 1967

So rührend die Geschichten um den besten Schaffhauser Piper klingen - sie sind reine Erfindung. Ja, das erste Edinburgh Military Tattoo fand 1950 statt. Aber ohne Ewald Möckli. Das 1. Bataillon der Royal Scots war im April 1967 tatsächlich auf Zypern stationiert, als die Chartermaschine der Basler Globeair bei Nikosia in einen Berg krachte (der Co-Pilot war übrigens ein junger Schaffhauser) und ein lokales Trauerzeremoniell fand tatsächlich mit den Royal Scots statt. Aber Ewald Möckli - den gab es nicht.

1967 bis heute

Die Geschichte der letzten 50 Jahre ist rasch erklärt. Alles entspricht der Wahrheit. Zumindest hat der Chronist versucht, alles im Sinne von "wahr" nach bestem Wissen und Gewissen zusammenzutragen.
 

Wir sind stolz auf eine bald 400jährige Bandgeschichte*.  Warum aber soviel Fiktion? Nun ja, zur Pflege der schottischen Kultur gehört halt nicht bloss das gepflegte Dudelsackspiel, ein guter Single Malt und eine jährliche Burns Night, sondern auch das Erzählen von abenteuerlichen und etwas schrägen** Geschichten.

 

Alba gu bràth! 

Worin unterscheiden sidie schottische Flagge von den skandinavischen? 

Das Kreuzn ist schräg.