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1895 - 1920
MacKay's Free Pipes & Drums und die rauschende Feste
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Im Frühjahr 1895 stellte die Nordostbahn in Schaffhausen die Eisenbahnbrücke über den Rhein und den Tunnel unter dem Emmersberg fertig. Damit wurde das heikelste und letzte Teilstück der Seelinie Schaffhausen- Romanshorn vollendet. 

Hugo Möcklis Pipe Band trat unter dem Namen MacKay's Free Pipes & Drums auf. Wo immer sie auftraten, waren sie die musikalische Hauptattraktion, wie begeisterterte Berichte in den "Schaffhauser Nachrichten" zeigen.

Unter dem Motto "Schaffhausen – Feuerthalen – Konstantinopel (via Etzweilen)" wurde auf der anderen Rheinseite in Feuerthalen die Eröffnung der neuen Bahnlinie mit einem mehrtägigen  rauschenden Fest gefeiert – schottisch halt, möchte man fast sagen.

Schaffhausen, Eisenbahnbrücke über den Rhein 1895

Für Möckli war der grosse Auftritt ohnehin ein Muss, denn schliesslich führte der Emmersbergtunnel genau unter seinem alten Stammlokal, dem Restaurant zum Alten Emmersberg, durch. Bei dortigen Dudelsackvorträgen soll das Gerumpel eines durchfahrenden Dampfzuges seinem Instrument manchmal den einen oder andern unfreiwilligen Quietschton entlockt haben. Es sei wieder der Zug, behauptete er jedenfalls, wenn auf seinem Dudelsack einmal nicht alles ganz so sauber klang.

Restaurant zum Alten Emmersberg, Schaffhausen 1898

An drei aufeinanderfolgenden Tagen (und Nächten) traten die MacKay's Free Pipers in abenteuerlichen Gewändern vor der Burg auf.  Die Band umfasste 8 Piper und 3 Drummer. Das speziell zu diesem Zweck errichtete mittelalterliche Heerlager diente den MacKays als Schlaf- und Ausnüchterungsgelegenheit. Musiziert wurde auf speziell auf mittelalterlich getrimmten Instrumenten, ganz zur Freude des vornehmlich badischen Publikums.

Ab 1901 wurden die schottischen Unterhaltungsabende nach Feuerthalen ins neue Hotel Adler verlegt, welches über den bei weitem grössten Tanzsaal der Region verfügte. Im Archiv der "Schaffhauser Nachrichten" findet sich ein Artikel über einen rauschenden Tanzanlass im Januar 1901, welchen Möckli und seine Free Pipers gemeinsam mit der Konstanzer Regimentsmusik, der weitum populärsten Tanzkapelle der damaligen Zeit bestritt (im April 1870 brachte die Konstanzer Regimentsmusik einen russischen Marsch nach Zürich, welcher sofort Gefallen fand und fortan, zunächst von der Harmonie Wiedikon, dann auch von anderen Zunftmusiken, als Sechseläutenmarsch gespielt wurde).

Das Tunes Book der MacKays scheint leider nicht erhalten geblieben zu sein. Hugo Möckli muss musikalisch aber gut geschult gewesen sein. Tanz- und Unterhaltungsmusik als Pipe Band zu spielen, war mehr als ungewöhnlich - die ersten nicht-militärischen Pipe Bands entstanden in Schottland beispielsweise erst rund 25 Jahre später.

Im Sommer 1901 fand der grösste Festanlass statt, den Schaffhausen bis dato (und bis heute) jemals erlebte: die Feier zum 400-jährigen Jubiläum des Beitritts zur Eidgenossenschaft, die dreitägige Centenarfeier vom 10. bis 12. August 2001. 

Die Bedeutung dieses Anlasses für Stadt und Kanton kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: das Fest, zu dem sich u.a. 55 Journalisten aus der Schweiz und ganz Europa angemeldet haben, wurde von Bundesrat Joseph Zemp eröffnet. Das auf der Breite beim heutigen Glockengut errichtete Festgebäude bot 4500 gedeckte Sitzplätze, und die Anreise dorthin konnte mit einer eigens erstellten Strassenbahn vom Obertor bis zum Festgelände in Angrif genommen werden.

Eigens zur Centenarfeier schuf der Augenarzt und erfolgreiche Dichter Dr. Arnold Ott ein Festspiel, welches "das nationale vaterländische Denken und Empfinden dramatisch zum Ausdruck" bringen sollte. Es wurde von Musikdirektor Carl Flitner vertont.

Als offizielle Festmusik wurden die Konstanzer Regimentsmusik und die MacKay's Free Pipes & Drums bestellt. Möcklis Dudelsackspieler hatten aber nicht nur ihre Auftritte als Unterhaltungsband, sie waren sogar ins Festpiel selber eingebunden. Im 1. Akt, welcher die Belagerung von Konstanz im dreissigjährigen Krieg thematisierte, traten sie, historisch absolut korrekt, unter den Würtembergischen Landsknechten als MacKays, schottische Söldner von Frankreichs Gnaden auf.

Die höchst populären Tanzveranstaltungen im Januar in Feuerthalen liefen bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs weiter. Im Herbst 1914 wurden Unterhaltungsabende von der Obrigkeit als unschicklich betrachtet und für die ganze Dauer des Krieges verboten. Es endete die Ära der fröhlichen Unbeschwertheit, die heute gerne als die Belle Epoque bezeichnet wird, ganz profan und typisch schweizerisch mit einem Verbot.

MacKay's Free Pipes & Drums, 1897

Hugo Möcklis schottische Unterhaltungsabende mit einem Hauch von Exotik blieben jedenfalls höchst populär. So auch der denkwürdige Auftritt am grossen Ritterturnier ob Stein am Rhein, in der wiederaufgebauten Burg Hohenklingen, zur feierlichen Eröffnung des Burgrestaurants Mitte Juni 1897.

Hugo Möckli / "PM Hugh MacKay", 1910

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Konstanzer Regimentsmusik 1911

Der Grosse Saal des Hotel Adler in Feuerthalen fasste eigentlich beachtliche 500 Gäste. Der Publikumsandrang zu dieser Abendunterhaltung soll aber dermassen gross gewesen sein, dass der Tanzanlass ausserplanmässig an den beiden folgenden Abenden vor jeweils ausverkauftem Hause wiederholt werden musste - und für die nächsten 13 Jahre an jedem dritten Samstag im Januar, immer mit der Konstanzer Regimentsmusik und den MacKay's Free Pipes & Drums als Musik-, Tanz- und Unterhaltungskapellen.

Piper Tobias Tanner, MacKay's Free Pipes, 1912

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Das dreitägige Fest war natürlich ganz nach dem Gusto von Hugo Möckli. Nach der Feier und insgesamt 10 anstrengenden Festspielauftritten gönnte er sich Ende August 1901 und zum ersten mal in seinem Leben eine Ferienreise. Er reiste mit seiner Frau für vier Wochen nach Schottland. Per Eisenbahn, per Schiff und in der Kutsche. Sie verbrachten einige Tage in Edinburgh, besuchten Glasgow, fuhren mit dem Dampfboot nach Rothsay und Arran und mit dem Zug nach Inverness. Seine Pipes hatte er natürlich stets griffbereit.

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Hugo Möckli musizierte und spielte Dudelsack bis weit ins hohe Alter. Er starb 1919. Seine beiden Söhne Ewald, ebenso als Piper, und Johann, eher den Drums zugeneigt, führten die Musiktradition weiter. An die grossartigen publikumserfolge der Vorkriegszeit vermochten Ewald und Hans indes nicht mehr anzuknüpfen. So verlieren sich ihre öffentlichen Spuren zwischenzeitlich. Ewald und Hans Möckli musizierten aber im privaten Kreis munter weiter. Und wie famos sich das Ganze entwickelte, sollte sich gerade im Falle von Ewald noch zeigen. Aber alles schön der Reihe nach.